Eine unerwartete Bronzemedaille und der silberne Abschluss

Es war und ist bis heute der größte Erfolg der deutschen Herren auf internationalem Parkett. Zu den Paralympics von Barcelona 1992 hatte die deutsche Mannschaft einen Umbruch vollzogen und war optimistisch, aber ohne große Erwartungen in das Turnier gestartet. Am Ende stand ein Sieg gegen den amtierenden Europameister Frankreich, eine unerwartete Medaille - und die färbte sich überraschend auch noch silbern.

Die Gruppenphase bot wenige Überraschungen: Nach einem deutlichen Auftakterfolg gegen Australien folgte eine erwartete 9-Punkte-Niederlage gegen den amtierenden Europameister aus Frankreich. Gegen Israel bestand die Mannschaft von Trainer Ulf Mehrens souverän, gegen die aufstrebende Topmannschaft der Niederlande um ihren Weltstar Gertjan van der Linden zog Deutschland mit 46:57 klar den Kürzeren. Durch ein dramatisches 59:58 gegen Schweden konnte sich das deutsche Team schließlich den dritten Platz in der Gruppe sichern und ging damit dem Topfavoriten USA im Viertelfinale aus dem Weg. 

Der Lohn dieses Erfolges: Großbritannien erwies sich als willkommener Gegner in der Runde der letzten Acht, doch im Halbfinale war nach einer deftigen 32:61-Klatsche gegen die Niederlande Schluss. Es folgte ein Spiel um Platz 3 gegen Frankreich, in dem sich Deutschland bravourös eine Medaille erkämpfte - und schließlich das silberne Finish.

Die meisten Spieler erinnern sich bis heute aber lieber an ihre eigentliche Leistung  - die auf dem Feld erspielte Bronzemedaille - als an die nachträglich durch die Disqualifikation des eigentlichen Paralympics-Siegers USA gewonnene Silbermedaille. Die USA hatten in einem dramatischen Finale die Niederlande mit 39:36 geschlagen. Wenig später wurde jedoch der damals als einer der besten Spieler geltende Aufbauspieler der Nordamerikaner, Dave Kiley, der Einnahme des verbotenen Schmerzmittels Darvocet überführt: Der paralympische Rollstuhlbasketball hatte seinen ersten Dopingfall in der Geschichte - und Deutschland wurde überraschend zur Nummer zwei in der Welt.

Abdulgazi Karaman erinnert sich: 

"1992 wurde ich zum ersten Mal in den A-Kader der Nationalmannschaft berufen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch ein junger Bub und U22-Nationalspieler. Anfang des Jahres war ich eingebürgert worden und konnte es kaum erwarten! 

Da bekam ich sie, diese Chance, internationale Luft schnuppern zu dürfen und dabei zu sein, wenn die großen Rollstuhlbasketball Nationen, um die höchste sportliche Auszeichnung kämpften.

Noch heute habe ich die Bilder vor Augen....das Stadion gefüllt und noch Schlangen draußen wartend, um eventuell noch einen Sitzplatz zu ergattern...Wahnsinn...all die enthusiastischen, spanischen Zuschauer, die gar nicht aufhören wollten zu feiern in den Arenen und jedes Team, egal welcher Nation, frenetisch anfeuerten und durch das Turnier getragen haben. 

Ich habe noch nie so ein herzliches Publikum gesehen, und ich bin der Meinung, dass das erstmals in der Geschichte gezeigt hat, wie die Paralympics - dieses riesengroße, sportliche Spektakel - durch die ehrliche und begeisterte Zuschauerkulisse endlich die Anerkennung gefunden haben, die sie verdient haben.

Es war natürlich schon ein Faszinosum, zu wissen, das genau zwei Wochen vorher, an der selben Stelle, die absoluten Weltstars des Basketballs - das US-Dream Team mit Charles Barkley, Scottie Pippen, Karl Malone, und "His Airness" Michael Jordan - die gleichen Umkleiden, die gleichen Sporthallen benutzt haben. Und ich war mittendrin... !

Ich erinnere mich, dass wir uns damals wirklich gut vorbereitet haben: Etliche Trainingslager, viele Länderspielreisen. Unter anderem waren wir in Australien, Hong Kong und Israel und hatten dort jeweils Freundschaftsspiele und täglich mehrere Trainingseinheiten. Das sollte sich noch auszahlen.

Der Turnierverlauf kommt mir in der Erinnerung fast umspektakulär vor: Wir hatten ganz solide Stationen, und dann standen wir plötzlich im Halbfinale. Ich weiß es noch, als ob es heute wäre: Wir hatten gegen Frankreich, den amtierenden Europameister. Wir haben in diesem Jahr achtmal gegen sie gespielt, sieben Spiele davon verloren - nur eins, das haben wir gewonnen: Vor knapp 10.000 Zuschauern und wurden belohnt... mit der Bronzemedaille! Das war unglaublich, niemand hatte uns das zugetraut. Bis heute bleibt es ein wunderbares Erlebnis, mit der Deutschen Rollstuhbasketball-Nationalmannschaft olympisches Edelmetall gewonnen zu haben."

Das deutsche Team: Tamer Artan, Georg Beschler, Wolfgang Hollhorst, Jürgen Juliun, Abdulgazi Karaman, Armin Kinzelmann, Paul Kühnreich, Frank Michael, Manfred Mikschy, Horst Rödig, Thomas Schäfer, Hans Schumacher. Trainer: Ulf Mehrens. 

Der Turnierverlauf der deutschen Mannschaft:

Gruppenphase
Deutschland - Australien 59:36
Frankreich - Deutschland 53:44
Deutschland - Israel 55:41
Niederlande - Deutschland 57:46
Deutschland - Schweden 59:58

Viertelfinale: Deutschland - Großbritannien 43:40
Halbfinale: Niederlande - Deutschland 61:32
Spiel um Platz 3: Deutschland - Frankreich 42:38